
Scheibe-Alsbach / Manufaktur
Der Ortsteil Scheibe liegt in einem malerischen Talkessel des oberen Schwarzatals, 650 m hoch. In südlicher Richtung bis zum Rennsteig hinauf reichend, der Ortsteil Alsbach, in einer Höhe von 800 m.
In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, betrieb hier Louis Oels eine Pfeifenstummel-Malerei. Im Jahre 1835 entschloss er sich zur eigenen Porzellanherstellung und beantragte am 30. Mai am fürstlichen Hof die Konzession zum Betreiben einer Porzellanfabrik im Bergdorf Scheibe.
Als nach fünf Jahren endlich die Konzessionsurkunde aus Rudolstadt eintraf, hatte Oels die Fabrik bereits 1939 wieder verkaufen müssen, weil er keine Genehmigung zum Bezug von Brennholz erhalten hatte. Aus den gleichen Gründen scheiterten seine Nachfolger. Erst Johann Friedrich Andreas Kister und ein gewisser Dressel, die 1844 das Unternehmen erwarben, hatten mehr Glück mit der fürstlichen Bürokratie.
Kisters Sohn, August Wilhelm Fridolin, war ab 1863 deren alleiniger Inhaber. Er führte die vom Vater begonnene Profilierung weiter. Begann Vater Kister mit Madonnen und Grabfiguren, so entwickelte sich das figürliche Porzellan unter dem Sohn allmählich hin zu historischen Figuren im anspruchsvollen Genre.
Die große handwerkliche Qualität der schon zu dieser Zeit gefertigten Figuren-Kollektionen bedingte einen so guten Absatz, daß „Scheibe-Alsbach“ um 1850 die einzige Thüringische Manufaktur war, die figürliches Porzellan in großen Auflagen herstellen konnte.
In den 60er Jahren erweiterte die Manufaktur ihr Angebot mit Büsten von Dichtern und Komponisten, wobei höchste Porträtgenauigkeit angestrebt wurde. Künstlerische Meisterleistungen der 80er und 90er Jahre waren lebensgroße Büsten aus Bisquit-Porzellan, bemalt mit gedämpften, stumpfen Farben.
Die ungewöhnliche Größe der Büsten und die komplizierte Gestaltung der Renaissance-Kostüme stellten an das Können der Modelleure, Brenner und Maler allerhöchste Ansprüche.
Um 1890 erfährt das Angebot eine neuerliche Erweiterung: große Gruppen, Tänzerinnen und Tanzpaare, Reliefs, Tafelaufsätze, Spitzenfiguren, entzückend frische Darstellungen volkstümlicher und historischer Szenen und Begebenheiten. Soldaten und Feldherren aus napoleonischer Zeit werden in Katalogen und auf Messen angeboten. Das Leben des Napoleon findet man in einer großen Anzahl detailgetreuer Figuren dargestellt. Und Scheibe-Alsbach überraschte Fachleute und Sammler mit weiteren Spezialitäten, wie z.B. dem sogenannten Thüringer Watteau-Porzellan.
Im Jahre 1905 verkaufte A. W. F. Kister die Manufaktur an seinen Schwiegersohn Offeney. Das Unter-nehmen wurde in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt. Ab 1972 war die PORZELLANMANUFAKTUR SCHEIBE-ALSBACH im VEB Vereinigte Zierporzellanwerke Lichte mit sechs anderen Firmen zusammengeschlossen.
Die engagierten Mitarbeiter der Manufaktur bieten durch ihr Talent und ihre reichen Erfahrungen die Gewähr, dass Porzellan mit der Marke SCHEIBE-ALSBACH auch weiterhin ein geschätztes Kunstwerk bleibt. Im Fundus der Manufaktur sind sämtliche Urformen erhalten und werden als Grundlage für Neuausformungen sorgsam gehütet.
Wie in allen anderen, heute zum „Thüringischen Kulturkreis des Porzellans“ gehörenden Manufakturen, sind auch in der PORZELLANMANUFAKTUR SCHEIBE-ALSBACH Figuren schon immer ausschließlich von Hand gefertigt worden. Mit der Übernahme dieser berühmten Manufaktur durch die „Königlich privilegierte Porzellanfabrik Tettau (gegr. 1794)“ im Jahr 1991 hat sich daran nichts geändert.
Doch wurde damit sichergestellt, daß die betrieblichen Voraussetzungen für einen lupenreinen Manufakturbetrieb auch in Zukunft gegeben sind. Dies zeigt auch die Zusammenführung der traditionsreichen Manufakturen „Porzellankunst Unterweissbach“, „Scheibe-Alsbach“ und „Plaue“ am Standort der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“, in Rudolstadt/Volkstedt.
Scheibe-Alsbach / Porzellankunst & Künstler
Das Erfolgsrezept der PORZELLANMANUFAKTUR SCHEIBE-ALSBACH war die Historie. Man bot den Kunden noch recht junge allseits bekannte Geschichte nach zeitgenössischen Vorbildern, einfühlsam auf plastisches Porzellan übertragen. So entstanden, lebendig und für jeden nacherlebbar, geschichtliche Ereignisse zum Anfassen. Und das brachte dieser Manufaktur wirtschaftlichen Erfolg.
Im 19. Jahrhundert verschmolz in den Modellen von SCHEIBE-ALSBACH Idealisiertes mit Romantisch-Schwärmerischem, klassizistischer Ausdruck und romantische Innerlichkeit.
Franz Kotta hatte einst in Volkstedt Reliefs und Büsten aus Bisquit-Porzellan modelliert. SCHEIBE-ALSBACH griff damit eine Alt-Thüringer Tradition auf, und hatte auch damit großen Erfolg.
Bisquit-Porzellan - das ist ein unglasiertes Weichporzellan, mit matter, ein wenig rauher Oberfläche in verhalten gelblicher Tönung. Aus diesem Porzellan fertigt SCHEIBE-ALSBACH Künstlerstatuetten. Voran die Büsten der Komponisten wie Bach, Beethoven und Mozart (Modell-Nummer 312...). Auch große Dichter und Denker sind vertreten.
Auf der Wiener Weltausstellung 1873 wurde den Porzellinern von SCHEIBE-ALSBACH der „Grand Prix“ überreicht. „Grand Prix“ und Goldmedaillen erhielten sie auch 1891 in London, 1908 in Bordeaux und 1910 in Brüssel. Erste Preise wurden ihren Modellen dann 1893 in Chicago, 1904 in St. Louis und 1911 in Turin zuerkannt. Diese Erfolge blieben für die Manufaktur bis heute Maßstab, sowohl in künstlerischer Ausführung als auch in thematischer Vielfalt.
Für SCHEIBE-ALSBACH arbeiteten bekannte Künstler. Zu ihnen gehörten Prof. Reinhard Möller, Prof. Otto Poertzel, Prof. Carl Lysek, der Bildhauer Felix Zeh und der Modelleur Heinz Schober. Ihr Schaffen prägte wesentlich das künstlerische Profil des figürlichen Porzellans und machte SCHEIBE-ALSBACH-Porzellan unverwechselbar.
Die minutiöse Übertragung berühmter Historiengemälde hat der PORZELLANMANUFAKTUR SCHEIBE-ALSBACH Weltgeltung eingebracht. Das malerische Original war und ist nicht Anregung zu künstlerischer Neuschöpfung, sondern Anlass zu sensibler Übersetzung in die plastische Sprache des Porzellans.
Dabei ist detailgetreue Übereinstimmung mit dem Original genau das, was Sammler wünschen. Dieses Prinzip der kunstgeschichtlichen Deckungsgleichheit gilt beim Modellieren, Staffieren und Bemalen jeder historischen Figur.
Zwei berühmte französische Maler haben durch ihr Werk zum Ruhm der Manufaktur beigetragen, ja ihn vielleicht mitbegründet: Jacques Louis David und Antoine Watteau.
Jacques Louis David, geboren am 30. August 1748 in Paris, starb am 29.12.1825 in seinem Brüsseler Exil. David wurde als ein „vulkanisches Genie“ bezeichnet. Er hatte einen längeren Romaufenthalt genutzt, um die strenge Linie der römischen Antike zu studieren. Beeinflußt von Winckelmann und Mengs wurde der Klassizismus für ihn lange Zeit bestimmend.
Unter Napoleon genoss er höchste Anerkennung. Doch sein Malstil war unterdessen eleganter und höfischer geworden, alle Formen von Einfachheit und Feinheit seiner Anfangsjahre waren fast vergessen. Seit 1804 war er Napoleons „Erster Maler“, David verehrte Napoleon und feierte ihn in zahlreichen Reiterbildnissen.
Zum „Ereignis des Klassizismus“ wurde das Bild „Madame Rècamier“. David malte es im Jahre 1800. Das Gemälde ist strenger und reinster Klassizismus; Linien, Flächen und Farben sind mit feiner Berechnung aufeinander abgestimmt.
Die Dargestellte ist die Frau eines Pariser Bankiers. Ihre Schönheit war berühmt. Sie verstand die Tradition französischer Gesellschaftskultur mit Erfolg fortzusetzten: ihr „Salon“ war Treffpunkt hervorragender Leute aus Politik, Kultur und Wissenschaft. David setzte ihr mit seinem Gemälde ein wunderschönes Denkmal.
In SCHEIBE-ALSBACH wurde es durch Prof. Otto Poerzel in die Sprache des Porzellans (Modell-Nummer 9544-10) übertragen.
Auch „Napoleons Hochzeitskutsche“ modelliert von Felix Zeh fährt in SCHEIBE-ALSBACH mit allem Prunk und Pomp. Die Vermählung mit der schönen Josephine, der Witwe des Generals Beaubarnais, kam Napoleon gerade recht, sich in Paris als erfolgreicher Feldherr zu präsentieren. Das war im Jahre 1796.
Eine andere Gemäldeumsetzung ist die Figur „Krönung Napoleons“. Sie wurde ebenfalls von Prof. Poertzel nach dem Gemälde des Francois Pascal Gèrard „Napoleon I. im Krönungsornat“ geschaffen.
Napoleons Aufstieg war kometenhaft. Nach zahlreichen innen- und außenpolitischen Erfolgen war im Frühjahr 1800 Frankreich fest in seiner Hand. Er wandte sich nun neuen Zielen zu und plante einen schnellen Feldzug gegen die österreichische Armee, die Norditalien besetzt und die Franzosen dort ein Jahr zuvor vertrieben hatte. Napoleon bereitete seine Invasion unter strenger Geheimhaltung vor. Er führte vom 17. - 22. Mai 1800 seine Armee über die selten begangen Alpenpässe am Großen Sankt Bernhard und am St. Gotthard und war dabei seiner Truppe, mal zu Fuß, mal auf einem Maulesel reitend, stets voraus. Nach diesem kühnen, wenn auch mühevollen Übergang stürzten die Franzosen wie eine Lawine in das Hinterland der völlig überraschten Österreicher, die trotz kräftemäßiger Überlegenheit am 14.06.1800 bei Marengo besiegt wurden.
Ein Siegestaumel erfasste die Franzosen. Sie feierten Napoleon als genialen Feldherren mit triumphalem Erfolg.
Diese Stimmung stellte der Hofmaler Napoleons, Jacques Louis David, dem damaligen Zeitgeschmack gemäß, in heroisierenden Zügen dar. Sein Gemälde „Napoleons Ritt über die Alpen“ war Vorlage für eine der bekanntesten Porzellanplastiken der Manufaktur SCHEIBE-ALSBACH, die von Prof. Poertzel im Jahr 1906 in Porzellan (Modell-Nummer 9650-10) geschaffen wurde. Die Detailgenauigkeit machte die Kühnheit des Unter-nehmens deutlich und stellte hohe Anforderungen an die Kunstfertigkeit der Porzelliner.
Anlässlich des Jahrestages der Schlacht von Waterloo wurde dem „Musèe provincial du caillou“ in Vieux-Genappe diese repräsentative Porzellanfigur aus der PORZELLANMANUFAKTUR SCHEIBE-ALSBACH übergeben. Dieses Museum ist in dem Bauernhof eingerichtet worden, wo Napoleon die letzte Nacht vor der Entscheidungsschlacht bei Waterloo verbrachte. Sie fand dort einen würdigen Platz.
Szenenwechsel: Rußland im Jahre 1812. Die Große Armee des Kaisers der Franzosen ist geschlagen.
Am 06. Dezember 1812 verließ Napoleon seine Armee. Er wollte in Paris eine mindestens 300.000 Mann starke Armee zusammenstellen und im Frühjahr den Kampf fortsetzen. Die Marschälle setzten dem entgegen, dass das Heer nach seiner Abreise endgültig auseinander fallen würde. Doch sein Entschluss stand fest. Er befahl den Marschällen, seine Abreise für kurze Zeit geheim zu halten.
Napoleon I., ein gebrochener Mann. „Napoleons Flucht aus Rußland“, ebenfalls geschaffen vom Bildhauer Felix Zeh, zeigt dieses einschneidende Ereignis, das zu einem Wendepunkt in der europäischen und natürlich auch in der französischen Geschichte werden sollte. Felix Zeh fing eindrucksvoll die Eile dieser Flucht in typischen Details ein: sich aufbäumende und fast niedersinkende Pferde, wehender Umhang des Kutschers, bewegtes Pelzwerk der hohen Reisenden. Napoleon wirkt gedemütigt und nachdenklich.
„Der Tambour der Garde Imperiale“ ist ein historischer Leckerbissen für jeden Napoleonfan. Diese Figur schuf wiederum – wie auch die Figurenfolge „Napoleons Soldaten“ (Modell-Nummer 12753..) Felix Zeh.
Zu dieser Folge gehören Marschälle, Generale, Offiziere und Soldaten, teilweise in Mini-Figuretten-Ausführung.
An Darstellungen Napoleons und seiner Marschälle ist SCHEIBE-ALSBACH sofort zu erkennen. Keine andere Manufaktur hat sich mit dem großen Korsen und seiner Zeit so häufig beschäftigt wie diese. Das brachte ihr viel Erfolg und Anerkennung. Und so entstanden Historiengemälde aus Porzellan, die ihren Originalen getreu entsprechen.
Ein ganz anderer Künstler war Antoine Watteau (10.10.1684 – 18.07.1721). Er war ein Meister des Rokokobildes. Die Heiterkeit und Galanterie seiner Gemälde haben seinen Namen berühmt, ja zu einem Synonym für das Rokoko werden lassen. Trotz seines nur siebenunddreißigjährigen Lebens nahm er schon das Typische des Rokoko, die Themen, Farben und Formen, vorweg.
Eine beschwingende Melodie durchzieht fast alle Watteau-Gemälde, es gibt kaum eins auf dem nicht musiziert wird. Er malte Feste im Freien, galante Szenen und Figuren der „Italienischen Komödie“ mit zarter Farbigkeit und feinnerviger Pinselführung. Die malerische Verklärung des Augenblicks huldigte den Lebensfreuden: der Liebe, der Natur, der Geselligkeit, dem Feste, dem Genuss, dem Theater und der Musik. Hoffnungen und Sehnsüchte durchsetzte Watteau mit einem spielerischen Grundgang. Das alles hat sein umfängliches Werk so populär gemacht.
Es aufs Porzellan zu übertragen, bot sich an. Denn Porzellan ist ja auch ein Kind des Rokoko. Wen wundert es, wenn Porzellan die Farben und Formen dieser Epoche in sich aufnahm.
Die SCHEIBE-ALSBACHER Manufaktur griff natürlich auch nach den Figuren Watteauscher Gemälde und verlieh ihnen in mustergültiger Ursprünglichkeit eine zweite Gestalt. Man glaubt das sanfte Spiel der Musikanten zu hören, diese Szenen in Bewegung zu sehen. Auf blumengeschmückten Postamenten stehen Oboisten, Flötisten, Mandoline- und Gitarre-Spieler, auch Musikanten, die gewandt mit der Laute umzugehen wissen. Das ist optische Musik, virtuos, in Form und Farbe übertragen; jeweils ein plastischer Watteau.
In der Reihe der historischen Einzelfiguren nimmt eine Arbeit des Modelleurs Prof. Lysek sofort gefangen.
Er schuf „Wallenstein“, bemalt mit Gobelinfarben. Imponierend steht er da, der Herzog von Friedland (1583-1634), der erfolgreichste kaiserliche Feldherr im Dreißigjährigen Krieg.
Die SCHEIBE-ALSBACHER Einzelfiguren sind im Vergleich mit Arbeiten anderer Thüringer Manufakturen derber modelliert und wirken voluminöser. Das hat seinen guten Grund. Die Künstler haben bewusst auf höfisch-feine Formen verzichtet, um der Individualität des Dargestellten mehr Raum zu lassen.
Für die Rokokogruppen gilt das natürlich nicht. Sie sind liebenswürdig, elegant und fein, sie spielen sich und anderen etwas vor. Der Geist des Rokoko ist bravourös eingefangen. Der Modelleur Felix Zeh schuf auch hier Beachtliches. Sein „Kerzenspiel“ zeigt, meisterhaft nachempfunden und modelliert, ein im 18. Jahrhundert sehr beliebtes Gesellschaftsspiel. Es ist die bisher einzige Darstellung des Themas in Thüringer Porzellan.
Zeh schuf weitere stimmungsvolle Gruppen: „Schachpartie“ und „Schäfergruppen“. Bemerkenswert finden Sammler immer wieder die Rokokogruppe „Geburtstagsmorgen“, die voll ist von natürlicher und reiner Frische.
Um solche Figuren schaffen zu können, müssen unzählige Historiker, Kunstwissenschaftler und Bücher befragt worden sein, um eine historische Garantie für jedes einzelne Modell abgeben zu können.
Die überaus detailgetreuen Kunstwerke von SCHEIBE-ALSBACH geben heute immer noch ein beredtes Zeugnis für das Wissen und Können ihrer Mitarbeiter.
